End of Kultfabrik

Kultfabrik – Rise and Fall

Die Kultfabrik im Münchner Osten hat mehr zu bieten als so mancher glauben mag – nachts Mekka der Partygänger und tagsüber Heimstatt von Kunst, Kultur und Gewerbe. Sie ist ein ganz besonderes Kleinod der Münchner Feierszene und deshalb wollen wir sie heute mit einem Blogbeitrag würdigen. Denn – und das ist ein wichtiges Prinzip von GlobeSnap – gerade an Orten, bei denen man es auf den ersten Blick nicht vermuten mag, verbergen sich häufig die spannendsten Geschichten und die bezauberndsten Fotoschauplätze.

Plan der Kulturfabrik

Die Knödel-Ära

Was nur wenige wissen: Bevor Clubs, Bars und Konzerthallen Einzug hielten, verarbeitete auf dem Kultfabrik-Gelände Europas größte Knödelküche jährlich 200.000 Tonnen Frischkartoffeln zu Pfanni-Produkten. Die Geburtsstunde der Marke Pfanni lässt sich auf das Jahr 1949 zurückdatieren. 1950 fand in den heiligen Hallen des Werksgeländes eine wahre Lebensmittelrevolution statt: der Kartoffelknödel ward erfunden. 1959 kam zur Feier des zehnjährigen Jubiläums das erste Instant-Püree auf den Markt. Und wer jetzt denkt, besser geht es eigentlich nicht mehr, der irrt – denn in den 60er Jahren erweiterten bereits Klöße, Kartoffelteig und Kroketten das Produktportfolio. Die Nachfrage stieg unaufhaltsam und die vormals so kleine Firma am Münchner Ostbahnhof wuchs. 1996 reichten die Kapazitäten der Fabrik in der Grafinger Straße nicht mehr aus und es folgte der Umzug von Pfanni nach Stevenhagen und damit das Ende der Knödel-Ära.

Pfanni Impressions

Viel Vielfalt

Nach der Schließung des Pfanni-Werks wurde das Areal zum Party- und Freizeitgelände. 1996 öffnete der Kunstpark Ost seine Pforten – und mit ihm Clubs wie Ultraschall, milchundbar, Babylon und der Natraj Temple. Die Post-Techno-Ära ab 2003 sorgte für den Einzug vieler Künstler und Jungunternehmer, die zur kulturellen Vielfalt beitrugen. 2012 trat schließlich ein neuer Bebauungsplan in Kraft. Das Ziel: ein urbanes Viertel, genannt „Werksviertel München“. Das Besondere hieran war die Erhaltung der alten Fabrikgebäude. Und tatsächlich – wandert man heute durch die „Knödelgasse“ den Reiberdatschiweg entlang oder am „Kartoffelgleis“ vorbei sind die alten Fabrikstrukturen noch klar zu erkennen. Das Werk 1 und damit DER Hotspot der digitalen Gründerszene beheimatet übrigens unser Büro. Kleine Challenge: Finde unser Logo auf dem Bild☺

Werk 1 mit GlobeSnap Logo

Ende Gelände

Am Silvester-Abend hieß es Abschied nehmen von der Kultfabrik. Um 3 Uhr bestätigte ein gigantisches Feuerwerk mit 15.000 Schuss was niemand glauben wollte: Die 90.000 Quadratmeter Feier-Meile wird es in dieser Form nicht mehr geben.

Impressions Münchner Kultfabrik

Nostalgie, Nostalgie

Legendäre Partynächte, hollywoodreife Filmrisse – die Kultfabrik hat nicht nur mir geholfen, über so manches hinwegzukommen. Wir haben uns unsere Sorgen weggetanzt, getrunken und so lange gelacht, bis alles nicht mehr so schlimm erschien. Denn wie meine Oma schon sagte: „Wenn du mal wieder einem Mann hinterhertrauerst, nimm deine beste Freundin an der Hand und sauf, Mädchen, sauf.“ Deshalb möchte ich einmal Danke sagen. Danke, Oma. Danke, Tequila. Und danke, Kultfabrik.

Impressions Kultfabrik

Du bist nicht schön. Du bist abrissreif, verfallen, schmutzig und riechst nach Rauch und Absturz. Deine Graffitis kann man nicht als Kunst bezeichnen, deine Besucher sind ähnlich im Absturz begriffen wie du. In deinen Straßen wurde man angepöbelt, über den Haufen gerannt, beschimpft. Du bist das Gegenteil von perfekt. Und das ist das Beste an dir. Mit nichts als Turnschuhen und dem unbändigen Wunsch, zu tanzen. Gegen den Strom, gegen die Regeln, ohne Kontrolle und ohne Gedanken an die 8-Uhr-Vorlesung. Du hast uns vergessen lassen. Du gibst nicht vor, etwas zu sein, was du nicht bist. Du bist kein Glitzern, kein Louis Vuitton und keine High Heels. Und genau deshalb ist es nirgendwo so einfach gewesen, wirklich alle Masken fallen zu lassen. Real is so rare these days. Servus, Kultfabrik. Wir werden dich vermissen.

Cosima Kopfinger

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